covert and discovered history 302
What’s next
digital collage, overpainting, spraypainting
Günter Konrad 2025
Exposé: "What's Next" – Die Überarbeitung von Franz von Lenbachs "Hirtenknabe" durch Günter Konrad
Einleitung
In der zeitgenössischen Kunst ist die Auseinandersetzung mit historischen Werken ein immer wiederkehrendes Thema. Günter Konrads digitales Kunstwerk "What's Next" bietet eine spannende Überarbeitung des Gemäldes "Hirtenknabe" von Franz von Lenbach, das um 1880 entstand. Konrads Ansatz, bestehend aus einer digitalen Collage, Übermalungen und dem Einsatz von Sprühfarben, transformiert das ursprüngliche Bild in ein vielschichtiges Werk, das sich kritisch mit der modernen Informationsüberflutung auseinandersetzt. Die Frage, die sich hierbei aufdrängt, ist nicht nur, wie alte Meisterwerke neu interpretiert werden können, sondern auch, ob es möglich ist, in einer von Informationen überfluteten Welt innezuhalten und abzuschalten.
Ausgangspunkt: Lenbachs Hirtenknabe
Franz von Lenbach schuf mit "Hirtenknabe" ein idyllisches Porträt eines jungen Hirten, das die naive Unschuld und die Einfachheit des ländlichen Lebens verkörpert. In der Darstellung steht der Junge für eine unbeschwerte Kindheit, weit entfernt vom hektischen Treiben der städtischen Gesellschaft. Lenbachs Verwendung von Licht und Schatten sowie seine geschickte Farbpalette verleihen dem Werk eine harmonische Grundstimmung. Der Hirtenknabe sitzt entspannt im Gras und scheint in seinen Gedanken versunken, ein Zustand der Ruhe und Abgeschiedenheit.
Die Transformation durch Günter Konrad
Günter Konrad nimmt dieses nostalgische Bild und stellt es auf den Kopf. In seiner digitalen Überarbeitung wird der Hirtenknabe jetzt von einer Vielzahl an Bildebenen umgeben, die visuelle Informationen und Datenströme symbolisieren. Diese Schichten repräsentieren die moderne Realität, in der der Einzelne ständig mit einer Flut von Informationen konfrontiert wird. Durch den Einsatz von Sprühfarben und digitalen Übermalungen schafft Konrad eine dynamische Komposition, die den Betrachter zwingt, einen Blick auf die Kluft zwischen der Vergangenheit, die das Werk von Lenbach verkörpert, und der Gegenwart zu werfen.
Inhaltliche Umkehrung
Die zentrale Figur in "What's Next" bleibt zwar der Hirtenknabe, doch seine Haltung ist von einer anderen Intensität geprägt. Er hebt die Hand über seinen Kopf, als ob er sich aktiv gegen die Informationsflut schützen möchte. Diese Geste offenbart die innere Spannung, mit der wir heute leben: der Drang, sich vor der permanenten Ablenkung zu schützen und gleichzeitig den Wunsch, informiert zu bleiben.
Die Überarbeitung stellt nicht nur eine visuelle, sondern vor allem eine inhaltliche Umkehrung dar. Während Lenbachs Originalbild Ruhe und Abgeschiedenheit vermittelt, zeigt "What's Next" den Kräften der modernen Welt, die den Einzelnen zu erdrücken drohen. Der Hirtenknabe, der in Lenbachs Werk unberührt von äußeren Einflüssen scheint, wird nun zum Symbol für den Versuch, intakt zu bleiben, während man von Informationen überflutet wird.
Digitale Zeiten – Ist Abschalten möglich?
Mit der digitalen Collage von Konrad wird die Frage nach der Möglichkeit, in einer schnelllebigen Welt innezuhalten, drängender denn je. Während der Hirtenknabe in der Malerei von Lenbach die Stille des ländlichen Lebens verkörpert, versucht sein digitales Pendant, einen Weg zu finden, um diesem Druck zu entkommen. Doch ist das tatsächlich möglich?
Konrads Werk regt dazu an, über die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Einfachheit nachzudenken, während gleichzeitig die Realität der digitalen Welt nicht ignoriert werden kann. Die Mehrdimensionalität der Bildebenen verdeutlicht die Komplexität des modernen Lebens, wobei jede Ebene neue Informationen und Erfahrungen repräsentiert, die miteinander konkurrieren und sich gegenseitig beeinflussen.
Fazit
Günter Konrads "What's Next" ist nicht nur eine künstlerische Überarbeitung von Lenbachs "Hirtenknabe", sondern auch ein provokantes Statement über den Zustand der modernen Gesellschaft und die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind. Die digitale Transformation und die Übermalung laden den Betrachter ein, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir in einer Zeit, in der Informationen allgegenwärtig sind, die Fähigkeit bewahren können, innezuhalten und abzuschalten.
In einer Welt voller Stimulation und hektischer Bewegungen bleibt die Kernfrage: Was kommt als Nächstes? Eine Rückkehr zu den Wurzeln oder eine vollständige Integration der digitalen Welt in unser Leben? Das Werk fordert uns heraus, diese Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, während wir gleichzeitig den individuellen Umgang mit der Informationsflut reflektieren.
Dirk Esken, Fritz am Sand 2025
Franz von Lenbach (1836–1904)
Hirtenknabe (1860)
Öl auf Leinwand, Höhe: 107,7 cm x 154,4 cm
Sammlung Schack; Bayerische Staatsgemäldesammlungen; München